Familie + Kind

Vollzeitjob Familie: Segen und Fluch gleichermaßen

Familie + Kind | AutorIn: Mirjam


Jäh werde ich aus dem Schlaf gerissen, es dauert ein wenig bis mein erschöpfter Körper reagiert, es ist erst vier Uhr morgens. Mein Sohn steht in seinem Bett und weint bitterlich – Hunger quält ihn. Schlaftrunken nehme ich ihn heraus, selig trinkt er seine Milch und wir schlummern ein wenig weiter. Knappe zwei Stunden später beginnt dann der ganze normale Familienwahnsinn: die Große wecken, Brote schmieren, Haare kämmen, Windeln wechseln, kochen, staubsaugen, aufräumen, Streit schlichten, Grenzen setzen. Abends falle ich völlig erschlagen ins Bett. Ich habe den anstrengendsten Job der Welt, 24/7, keinen Urlaub, kaum ein freies Wochenende. Ich trage jeden Tag große Verantwortung, Verantwortung für die zukünftige Generation, dafür, dass zwei kleine Menschen gut und behütet ins Leben hineinfinden. Und ich habe den schönsten Job der Welt, bereichernd und unbezahlbar die Kuscheleinheiten und Küsschen der Großen, das selige Lächeln des Kleinen, wenn er seine Milch trinkt, das quietschig-gurgelnde Lachen, wenn ich ihn kitzele.

Und doch kommen große Zweifel in mir auf: habe ich die Studienbank gedrückt, um nur Mutter zu sein? Meine Eltern haben mich während des Studiums finanziell gefördert, in mich und meine Zukunft investiert, zwei Auslandsaufenthalte mitgetragen. Ich bin top ausgebildet, habe bereits während des Studiums Berufserfahrung gesammelt, der Einstieg ins Arbeitsleben ist mir gut gelungen, ich habe mich stetig beruflich weiterentwickelt und -qualifiziert. Und jetzt - in der „aktiven“ Familienphase - kräht kein Hahn nach meinen Abschlüssen, Zertifikaten und Sprachkenntnissen. Ich fühle mich abgehängt, beneide meine Freundin, die in London lebt ohne Kinder und sich voll und ganz ihrer Karriere widmen kann, ohne Schuldgefühle, ohne einen Klotz am Bein, der „wegorganisiert“ werden muss, sie jettet durch die Welt, führt so ein ganz anderes Leben. Und doch möchte ich nicht mit ihr tauschen.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und des infas-Instituts in Kooperation mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: kinderlose Männer und Frauen bereuen es, keine Kinder bekommen zu haben. „Es herrscht ein starker Kinderwunsch bei jenen, die die Erfahrungen, Anstrengungen und Widersprüche einer Elternschaft noch nicht kennengelernt haben – insbesondere bei Männern“, bilanziert die Studienleiterin Jutta Allmendinger. Für die sogenannte Vermächtnisstudie wurden rund 3.000 Mütter und Väter und kinderlose Männer und Frauen befragt. Gleichzeitig überrascht das Ergebnis bei Müttern und Vätern: Wer allerdings wisse, was es bedeute, „Kinder zu gebären und aufzuziehen, neigt zur Vorsicht“, sagt die Soziologin Jutta Allmendinger.

Geprüft wurden dafür etwa Alter, Herkunft, Bildung und Einkommen. Das Ergebnis zeigt: „Ein hoher Bildungsabschluss und Kinder scheinen bei vielen eine Kombination zu sein, die zur Reue in der Kinderfrage drängt“, schreibt, Allmendinger. „Es scheint einfach nicht recht zu passen. Das gilt vor allem für Mütter.“ Die Präsidentin des WZB kommt zu dem Resultat, die Gesellschaft müsse endlich verstehen, dass vor allem gut gebildete Frauen erwerbstätig sein wollten. Die befragten Frauen hätten sich für eine faire Teilung der Haus- und Familienarbeit ausgesprochen – dabei zögen die Väter aber noch zu wenig mit. Männer müssten sich aufmachen, "hin zu weniger Arbeitszeit und mehr Familienarbeit", so die Soziologin.


Weitere Informationen findest du hier:

www.wzb.eu/de

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