Schrei-Babys

Habe ich ein Schrei-Baby?

Schrei-Babys | AutorIn: Eva


Lara schreit. Schon wieder. Ihre Mutter ist verzweifelt. Seit Tagen und Nächten hat sie das brüllende Baby erfolglos herumgetragen, oft selbst irgendwann vor Erschöpfung geweint. Viele junge Mütter kennen das und die damit zusammenhängenden Gefühle: die Hilflosigkeit, die Sorge ums Kind und darum, keine gute Mutter zu sein – und auch den Frust. Laras Mutter sucht nach drei Monaten Rat bei ihrer Hausärztin und von ihr bekommt sie den entscheidenden Tipp: eine Schreiambulanz.

Babys schreien. Das ist normal. Doch ab wann spricht man von einem Schrei-Baby? Ein Neugeborenes schreit durchschnittlich eineinhalb Stunden am Tag. Bis zur sechsten Woche steigert sich dies auf rund zweieinhalb Stunden täglich und reduziert sich etwa ab dem vierten Lebensmonat auf eine Stunde. Doch knapp 30 Prozent aller Babys gelten als Schreikinder. Es gibt eine Definition, die Morris Wessel 1954 formulierte. Der amerikanische Kinderarzt und Professor an der Universität Yale stellte eine verständliche „Dreierregel“ auf, ab wann das Schreien eines Säuglings als exzessiv zu beurteilen ist: mehr als drei Stunden täglich an mindestens drei Tagen in der Woche – und das über einen Zeitraum von mehr als drei Wochen hinweg.

Gründe für das Schreien

Typischer Beginn der Schreiphase ist in der zweiten Lebenswoche – sie endet meist im vierten Monat. Verdauungsprobleme oder Erkrankungen sind nur bei den wenigsten Kindern der Grund fürs das viele Weinen. Die berühmte "Dreimonatskolik" gilt heute als irreführender Begriff. Die Ursache ist eher eine Reizüberflutung. Experten sprechen vom Symptom einer "frühkindlichen Regulationsstörung". Das Baby kann dieser Theorie zufolge mit den Reizen, die aus seiner Umgebung oder seinem Körper kommen, noch nicht umgehen - mit Licht, Geräuschen, Bewegung oder auch Unwohlsein. Auch die Selbstregulation, besonders den Schlaf-Wach-Rhythmus – kann das Kind noch nicht steuern. Oft beginnen die Schreiphasen am Nachmittag und dauern bis spät in die Nacht. Beim Kind hat sich über den Tag eine Anspannung aufgebaut, die sich nun entlädt. Sie ist entstanden durch ständige Reize: sehen, hören, spielen, herumgetragen werden und mehr. Oft sind Kinder, die viel schreien, aufmerksam und interessiert, sodass der Eindruck entsteht, sie möchten besonders viel von ihrer Umwelt wahrnehmen. Die Kleinen verleiten ihre Eltern dazu, ihnen mehr an Reizen zu bieten, als sie in dem Alter überhaupt verkraften können.

Im kindlichen Gehirn reift als erstes der sensomotorische Kortex, in dem Sinneseindrücke verarbeitet werden. Erst viel später reift der präfrontale Kortex, mit dem Menschen ihre Bedürfnisse kontrollieren oder Zusammenhänge herstellen können. Richtig fertig wird der übrigens erst in der Pubertät.

Schon im Mutterleib nimmt das Baby am Leben der Mutter teil. Studien haben gezeigt, dass Säuglinge eher zu exzessivem Schreien neigen, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft besonderen Belastungen ausgesetzt waren: Stress am Arbeitsplatz, Konflikte mit dem Partner oder die Sorge um das Ungeborene: Schüttet die Mutter vermehrt Stresshormone aus, sind die Kinder später leichter „reizbar“.

Das kann helfen

Wichtigste Regel für die jungen Eltern sollte sein: Bewahrt Ruhe und begegnet eurem kleinen Schreihals mit liebevoller Gelassenheit. Das ist manchmal leichter gesagt als getan, doch ein wichtiger Tipp im Umgang. Entdeckt der Kinderarzt keine organische Ursache für das Schreien, wendet Euch an eine Schreiambulanz. Hier bekommt Ihr Hilfe und gute Tipps: Den Regulationsstörungen lässt sich schon mit relativ einfachen Methoden begegnen. Ein fester und stressfreier Tagesablauf ist die Grundlage. Wichtig ist auch, die Umgebung des Kindes in dieser Zeit möglichst reizarm zu gestalten. Aufregende Ausflüge oder ständig wechselnde Besucher sind jetzt nicht sinnvoll. Schreiambulanzen bieten individuelle Beratungsgespräche an. Schreibaby-Sprechstunden werden in Kliniken und von Kinderärzten, Musiktherapeuten und Hebammen angeboten. Adressen von Schreiambulanzen in Deiner Nähe findest Du unter www.schreibaby.de | www.trostreich.de und www.schreibabyambulanz.info.

Telefonische Hilfe gibt es beim Elterntelefon unter der gebührenfreien Rufnummer 0800/111 0 550. Das Beratungsangebot bietet montags bis freitags von 9 bis 11 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr spontane Hilfe sowie weiterführende Informationen zur Bewältigung von Problemen im Zusammenleben mit Kindern.


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